Als in den 1970er Jahren auch mit Bananen kein Geld mehr zu verdienen war hat Grossbritannien die Insel in die Unabhängigkeit entlassen. Eingeklemmt zwischen EU-Territorium ragt der vulkanische und meist schroffe Gebirgszug aus dem karibischen Meer. Bevölkert wird Dominica zum grössten Teil von den Nachkommen der von weissen Europäern aus ihrer afrikanischen Heimat deportierten Sklaven, einigen Nachkommen der damaligen weissen Oberschicht, wenigen Ureinwohnern und seit je von den unsteten AbenteurerInnen denen der Rest der Welt zu gross oder zu klein ist.
Alles weit Auseinanderliegende findet auf diesem Fleck Erde zusammen und kommt durcheinander.


Hoi
Immer wenn du hier jemanden siehst, sagst du Hello, Goodday, Hi, Whatsup oder: «Yess'ay». Eigentlich siehst du immer jemanden. «Yess'ay» sprichst du aus wie unsere Grosseltern «Jesses» ausgesprochen haben wenn sie erschraken. Den ersten Teil, das "Yess". Das "'ay" hingegen wird leicht in die Länge gezogen. "ahhy". Du kannst es mit Nachdruck aussprechen oder auch leicht fragend. Aus dem Auto ins andere Auto beim Kreuzen, über die Strasse oder über einem Häufchen Seasoning Pepper auf dem Markt am Strassenrand. Eine ganze Palette von Bedeutungen kannst du damit zum Ausdruck bringen. Du bist jemandem begegnet und erst wenn du wieder in einen der wenigen noch ganzen Spiegel schaust, merkst du dass du eine Weisse bist.

Hoi Conrad
Im Stadion von Roseau erobert das Kalinago-Schulteam dieses Jahr den 3. Platz, was in meinen Augen den Sieg der Underdogs aus dem Norden der Insel gegen die Privatschule aus der Hauptstadt Roseau beinahe in den Schatten stellt. Auch Conrad ist Kalinago. Fast niemand hier am Nordende der Insel nennt ihn so. Sie sagen «Carib» und einige sagen jetzt korrekt «Kalinago» wenn sie ihn grüssen. Er lebt nicht wie die meisten seiner Angehörigen im Reservat, einer Gemeinde im Osten der Insel sondern zusammen mit der meist schwarzen Bevölkerung hier. Wenn sein Fuss mitmacht wird er in Zukunft wieder die Umgebung des Schulhauses betreuen können, das hat ihm der Minister persönlich zugesagt. Das Vetiver-Gras am steilen Bord unterhalb der Schule, das den Hang zusammenhält wird er allerdings auch in Zukunft nicht schneiden können. Das würde der Fuss nicht mitmachen. Der Fuss macht nicht mehr mit, weil einer aus dem Dorf ihm mit der Machete die Achillessehne durchgetrennt hatte, plötzlich an einem Abend. Aus Eifersucht oder aus anderen Gründen.



Ich grüsse dich, Maria
Maria hat den Wald ausgezogen in der sieben Stunden dauernden Nacht im letzten Herbst. Bis die Stämme splitternackt und ohne einen Ast im Boden stehen geblieben sind. Das ganze Grün der Insel Dominica zu einem feinen Brei verschliffen der sich in der Sargassosee verloren hat und der auch im Innersten der verpressten Handys die zuunterst im Panikraum gelegen haben klebt. Angezogen hat sie einigen von ihnen nur Krawatten oder auch Schals aus Wellblech auf Flughöhe eines Daches. Nach welchen Kriterien hat sie die Auswahl getroffen? Ein halbes Jahr später tragen die Strünke jetzt alle paar Meter Baumstamm dunkelgrüne Pompons, und am Abend tanzt an jedem Horizont der Insel ein langer Umzug gespässiger Figuren Polka gegen das letzte Licht des Tages.


Teezeit
Vom 9. bis am 12. April 1782 sassen die englischen Herrschaften bei Tea und Cookies an den nördlichen Hängen der Insel. Sie verfolgten die «Battle of the Saints», einer Seeschlacht zwischen England und Frankreich im Kanal zwischen Guadeloupe und Dominica mit 70 involvierten Kriegsschiffen. Wahrscheinlich wurde auch Rhum getrunken angesichts dieses Spektakels.  Aus der nahegelegenen Garnison hingegen, gebaut zwischen den zwei Hügeln der Cabrits, einer kleinen Landzunge bei Portsmouth, wurde in den 200 Jahren ihres Bestehens kein einziger Kanonenschuss in kriegerischer Absicht gefeuert. Mit Kanonen niederschlagen wurde dort nur eine Rebellion von eigenen Soldaten die sich über mangelnde Ernährung und ungerechte Behandlung beklagt hatten und schliesslich den Dienst verweigerten. Die Soldaten waren Briten aber schwarz, der für seine Brutalität bis in die Armeeführung bekannte Kommandant war Brite, aber weiss. Diese Garnison taucht nun ab und zu in einer Schweizer Tageszeitung auf als Inseratetext «7. Tag: Der Westen Dominicas – Kleine Wanderung im Cabrits National Park und Besichtigung von Fort Shirley, einer britischen Festung aus dem 18. Jhd.» Ein Teil der Anlage wurde renoviert. Das Dach hat gehalten aber nicht der auf grosse Kreuzfahrschiffe ausgelegte Pier. So werden in absehbarer Zeit keine Kreuzfahrtschiffe mit weissen Menschen an Bord hier anlegen. Unter den Dächern feiert der Norden der Insel seine Hochzeiten. An den Wänden historische Stiche mit kreolischen Tänzen, und Marktszenen mit feinen, freien, schwarzen Damen. Die ehemalige Kommandatur, eine Ruine eingeklemmt in einer Senke zwischen den beiden Hügeln wurde von Maria aus ihrem dichten grünen Kleid geschält und an den Trümmern der massiven Befestigungen zur Douglas Bay hin, fünfzig Meter über dem Meer baumeln nur noch die Wurzeln. Besser als auf den präparierten Wegen zu gehen, ist es die Landzunge der Cabrits auf dem schmalen Saum aus Fels und Stein knapp über dem Wasserspiegel zu umrunden. Nach drei viertel des Weges, genau unterhalb der Schanze liegt seit Jahrhundert und Tag eine ungebrauchte Kanone auf dem Strand, vier Meter Rost, nicht mehr gebrauchte Geschichte. Ich wünschte ich könnte um das Schloss Lenzburg herumgehen und eine Kanone läge vor meinen Füssen. Diese Geschichte wurde gewissenhaft eingesammelt.


Dominica strong
Schiffe voller japanischer Pickups erreichen eine Insel ohne Brücken. Gelöscht werden sie in Roseau. Zu viele Pferdestärken auf dem Boden eines Ortes aus dem 19. Jahrhundert denkst du. Alles zu schmal, die Häuser zu schmal, die Wassergräben zu schmal, die wenigen Trottoirs, zu schmal um Mensch und Maschine aneinander vorbei zu bringen. Denkst du. Noch viel mächtiger, mitten auf der Kreuzung steht in diesem Gewühl eine kompakte Lastwagenmaschine. Ein Art gedoptes Sackmesser, gepumpt auf die Grösse eines Containers. Vorne hoch oben in der Kabine zwei Sitzreihen. Platz für acht mal menschliche Arbeitskraft. Aus der zweiten Reihe hat mich ein scharfer, selbstbewusster Blick erfasst. Als ich ihn bemerke, lässt er mich stehen, kriecht davon. Die Kubaner. Nach Maria sind sie gekommen, haben sich in einer der verstreuten Tribünen des einzigen Stadions der Insel eingerichtet, ihre Fahne gross und die Wäsche ans Kommentatorenfenster gehängt. Es war nicht Maria die die Tribünen verstreut hat sondern die sich vermischenden Bedürfnisse unterschiedlicher Sportarten. So dass man auf der auf der stadtseitigen Tribüne sitzend im Vordergrund die Schülermeisterschaften (ohne Schülerinnen) unter den Auspizien des Ministers sehen kann, dahinter eine Trainingseinheit der Athletinnen und im Hintergrund ein Cricketmatch. Maria hat nur bewirkt dass die ganze Anlage nun auch von den AnwohnerInnen als Freizeitanlage genutzt werden kann. Das Fenster oberhalb der kubanischen Fahne bleibt leer. Mit ihrer Power und ihrem unzweifelhaften Sachverstand was Hurricanes angeht reparieren sie die Wanderwege auf Dominica. Die Insel verkaufte sich bisher als «Nature Island of the Caribean».


Sunset Sunset Sunset Sunset Sunset
Vorbei an kalten Schwefelquellen, wo leises Pfeifen auf dunklen faustgrossen Löchern kommt, blubbernder weisser Schlamm eine fast lebendige kleine Landschaft bildet zwischen den Wurzeln der entlaubten Bäume, von der jede eine Schlange sein könnte, ein Kolibri in der Luft steht, scheinbar auf eine erste Blüte wartend, steil hinauf zum Joch. Dort pfeift der Ostwind ununterbrochen und fegt uns fast über die Geländekante zurück in die Tobel der Nordküste. Aber wir möchten einen Blick auf Guadeloupe erhaschen, der Insel, die Europa ist. Und wir sehen, Maria hat auch im Windschatten der steilsten Berge alles poliert. Tief hinunter jetzt auf der Piste die Taiwan vor fünfzehn Jahren gegen China planiert hat und die China vor einigen Jahren gegen Taiwan begonnen hat zu betonieren. Es ist die Weite des Atlantiks die die jäh zum Meer hin abfallende Landschaft so weitläufig erscheinen lässt. Alle verstreut liegenden Gebäude erscheinen winzig und machen damit die Landschaft gross. Wir winden uns dem Blau entgegen und unten zwischen den Häusern des Ortes scheinen wir hinunterzufallen, denn an diesem Abhang lebten Menschen schon lange bevor die Räder mit den aufmontierten Motoren kamen. Wir bringen handtellergrosse sonnenbetriebene Nachtlichter, denn weite Teile der Insel haben auch viele Monate nach Maria noch keinen Storm. Am Ende dieser Strasse steht ein Mann. Er nimmt uns mit am letzten Haus vorbei, zwischen den Resten von Bäumen durch dichte Ballen von dürrem und grünem Gras. Ein warum auch immer angepflocktes Schaf. Hart an der hohen Klippe ein kniehoch überwachsener Platz, in dessen Mitte ein in den Boden eingelassener Betonkubus in der Grösse eines Autos. Dies ist die Erinnerungsstätte für fünf junge Männer aus dem Dorf die nach einem Fest nicht mehr nach Hause kamen. Man habe sie unten an einer Felswand gefunden in ihrem zerschmetterten Auto. Aber, wird uns gesagt, nicht einer hätte aus dem Kopf geblutet. Es sei kein Unfall gewesen. Es sei etwas anderes gewesen. Bedeutungsvolle Pause, vielsagender Blick. Ihre Namen stehen nun mit einem Stecken nebeneinander in den Beton geritzt. Dazu das Wort «Sunrise» mit den verschiedenen Geburtsdaten und das Wort «Sunset» mit immer demselben Datum.


Bertrand, Nassief, UNICEF, leBlanc
Als Grossbritannien Dominica im Jahre 1763 übernahm wurde die ganze Insel in käufliche Parzellen aufgeteilt. Antony Bertrand, ein Hugenotte kaufte ganz im Süden der Insel eine Parzelle die vom Ufer der Grand Bay bis hinauf zum Morne ((xxx)) reichte und etwa 4km2 Land umfasste. Er taufte das Land «Geneva Estate» nach seinem früheren Zuhause in der Schweiz. Herr Elias Nassief, ein libanesischer Händler mit geschäftlichen Aktivitäten in Domimica kaufte Geneva Estate 1949 von Norman Lockhart, unter dessen Eigentümerschaft die EinwohnerInnen von Grand Bay freien Zugang zu den Ländereien gehabt und den grössten Teil mit ihren eigenen Gärten belegt hatten.Nach dem Kauf liess Herr Nassief im Einklang mit dem geltenden Recht das gesamte Gebiet räumen. Der Protest der Gewerkschaft fruchtete nichts und auch der Versuch der Regierung das Land zu kaufen und in kleine Parzellen aufzuteilen scheiterte. Kokospalmen wurden gepflanzt, in der alten Zitrus- und Zuckerfabrik wurden die Nüsse zu Copra verarbeitet. Am Karneval von Grand Bay kam es 1974 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Protagonisten in Sensaykostümen. Diese bestehen aus langen dichten Büscheln von Fäden oder schmalen Stoffstreifen die den ganzen Menschen verhüllen. Conrad, der Kalinago, ist Meister im Herstellen dieser Kostüme. Er macht sie heute aus weissen Plastikstreifen. Es wurde versucht die Strasse nach Roseau, der Hauptstadt, zu unterbrechen und in den Wochen nach dem Karneval wurden auf Geneva Estate die Lager geplündert und mehrere Pflanzungen auf Bodenhöhe zurückgeschnitten. Am 25. März 1974 erschien eine Person mit dem Übernamen Unicef auf dem Hof, forderte die Arbeiter auf zu fliehen und entwendete einen Lastwagen. Am Donnerstag derselben Woche wurde Unicef verhaftet, konnte jedoch kurz darauf wieder fliehen. Noch an diesem Tag wurde versucht das Haupthaus in Brand zu stecken, sämtliche Telefonverbindunen zur Hauptstadt wurden gekappt und ein Laden in Grand Bay geplündert. Da auch die Strasse nach Roseau mit gefällten Bäumen blockiert war, konnten praktisch alle Möbel und weiteres Material weggetragen werden. Am 2. April 1974 wurden Geneva Estate samt Fabrikgebäuden und Herrn Nassiefs Geschäft in Roseau bis auf die Grundmauern niedergebrannt. In einem Radiointeriiew am 4. April 1974 versprach der Premierminister EO Le Blanc die Angelegenheiten der Leute von Grand Bay einer Lösung näher zu bringen. Eine anschliessende Untersuchung ergab dass der Mangel an Landparzellen, da keine anderen Beschäftigungsmöglichkeiten vorhanden waren, und – anders als in anderen Teilen der Insel – die nicht vorhandene Bereitschaft zur Kooperation zur Eskalation geführt hatten. Nach und nach wurde Geneva Estate von der Regierung übernommen und in kleine Parzellen aufgeteilt, die nun wieder von der örtlichen Bevölkerung bebaut werden. Oben im Norden der Insel hatte mich noch gewundert warum die Gärten der Bevölkerung nicht gleich neben dem Haus oder am Rande des Dorf liegen sondern meist weit oben in den Bergen wo man nur zu Fuss hinkommt. Der Grund liegt im Jahre 1763.


harmonischer Fortschritt
Anfang Juni 2018 fand in «Geneva» (Schweiz), genauer im Kempinski Grand Hotel, das internationale Jahrestreffen der Passverkäufer statt, «Investement Migration Forum» nennt es sich. Investitionsmigranten. Mit dabei auf dem Podium Mohammed Asaria, der auf einer in karibischen Medien verbreiteten Fotografie eine «Tribune de Genève» mit aktuellem Datum in die Höhe hält um dem Publikum zu beweisen dass er zur Zeit nicht wegen angeblichen Betrugs in einem chinesischen Gefängnis sitzt. Weitere Recherchen zu den möglichen Gründen, verbundenen Namen, dem Handel mit Pässen und Investitionen in der Karibik im allgemeinen führen in eine untiefe, ausgedehnte Landschaft von Marmorverkleidung, legitimen Interessen, Malta, Dubai, Obwalden, Fragezeichen und Prospekten. Mit seiner Firma «Range Development» baut er mit dem Geld von verkauften Pässen Dominicas das «Cabrits Resort Kempinski Dominica». Das Betonskelett der Luxusanlage mit 160 Betten, aber ohne jede touristische Infrastruktur auf der Insel, wächst im Sumpf nördlich von Portsmouth. Der Sumpf war, da er der einzige seiner Art auf der Insel ist, seit der Gründung des Staates Teil eines Naturschutzgebietes. Statt sumpfigem Grün und Geröll am Meer soll im Namen Kempinski schon Ende 2018 ein langgezogener weisser Strand mit Hütten im obersten Preissegment den Tourismus im obersten Preissegment ankurbeln. Kempinski Hotels «mit bemerkenswertem europäischen Flair» sieht es so: «(…) we can confirm that this property was created in harmony with the location and environment, and in fact, this was a cornerstone of the positioning of this project to local authorities.» Der Vorvertrag zum Bau wurde am 14. Februar 2014 unterschrieben. Einige Monate später wurde ein wesentlicher Teil des Naturschutzgebietes durch ein Dekret des Präsidenten annuliert.


versprochen 
Zwischen der schmalen Strasse und dem Ufer des Meeres liegt die vor einigen Jahren im fortgeschrittenen Zustand aufgegebene Baustelle für einen zwei- bis dreistöckigen Hotelkomplex. Maria hat dann auch noch an der Bauruine mitgemixt. Jetzt aber wurde rund um die Anlage mit zerbrochenen Dachlatten ein neuer, bedruckter Sichtschutz auf die Mauern genagelt. Und auf diesem Sichtschutz wird das Versprechen des marrokanischen Königs für eine wahrhaft globalisierte Vision von Tourismus erneuert. "Morrocan Dominican Touch, Made in Morroco, Cabrits Hotel Resort Spa Training Insertion Design", weitere Worte, dazu Embleme der involvierten Firmen und als Siegel das Wappen des Commonwealth of Dominica mit den zwei Sisserou Parrots (Papageien), die einander anschauen auf einem Band sitzend, auf dem geschrieben steht APRES BONDIE C'EST LA TER, der Wahlspruch der Insel. All das verteilt über die ganze Länge. Dazu abgebildet ein junger Mann, gekleidet für den sommerlichen Besuch eines Sportanlasses, eine anderthalbliter Petflasche in der Hand, der - uns zu drei vierteln den Rücken zuwendend - quer über den jpeg-Artefakt eines Weges auf ein Gebäude mit rotem Schrägdach zugeht. Die Fassaden haben den Touch von Marmor. Auf einem der Balkone ein Mann mit dunklem Anzug, auf der Terrasse ein älterer Herr, der die Hände auf die Hüften gestützt hat, ein weisses Hemd tragend. Er scheint auf zwei Tische - copy/paste - zu schauen auf denen in leichter Untersicht lauter Flaschen in genau derselben Anordnung gedruckt sind. Auf der leicht abfallenden sattgrünen Fläche schwebt dreimal dieselbe Rattangsitzruppe bestehend aus einem Cocktailtischchen und zwei Sitzgelegenheiten. Weiter werden Auszüge aus den Bauplänen für die Hotellobby auf die Grösse des Sichtschutzes aufgeblasen mitsamt Vermassung. Sie wird, wie wir erfahren, eine Raumhöhe von insgesamt 405cm haben und geprägt sein von einem etwa acht Meter langen Desk von 110 cm Höhe in der Farbe von Holz, die Platte oben Schwarz, unterhalb dieser verläuft ein Band mit arabisierendem Muster. In die Wand hinter dem Tresen eingelassen ist eine bühnenartige Vertiefung, seitlich begrenzt durch zwei je 320cm hohe, flache und säulenartige Elemente in Holzfarbe, jedes ganzflächig mit einem arabisierenden Muster versehen. Die Traverse oberhalb der Vertiefung misst in der Höhe 35 cm, ist ebenfalls mit dem Muster versehen, liegt jedoch optisch nicht auf den seitlichen Elementen auf, sondern scheint der Erdanziehung zu widerstehen. Unten, jenseits des Bildrandes wächst Gras über das Dach und die Balken, die Maria herunter geworfen hat, oben grüsst aus einer Fensterhöhle der marrokanische Gastarbeiter, der hier weiterbauen soll, ganz froh endlich wieder einmal französisch reden zu können. Aber die Haitianer die sich nach Maria auf ihrem Sprung nach Amerika vorübergehend in diesen Grundmauern eingerichtet haben können doch auch französisch. Oder nicht?


Pizza
"Stein auf Stein auf gefallenen Stein" steht auf der Kunsthalle Bern geschrieben. Das kommt dir jetzt in den Sinn, auf dem dunkelgrünen Pickup zwischen Roseau und Portsmouth. Die Blattfedern an der Hinterachse reflektieren die Schläge der Strasse zuverlässig. Es ist als würden sie die Stösse nicht dämpfen, sondern konzentrieren, verdichten und zwei Oktaven höher an die Körper auf der Ladefläche weitergeben. Das Fahren durch die Nacht der Insel auf diese Weise macht uns süchtig. Wir sollten die Packungsbeilage lesen. Darauf steht dass es hier keine Verkehrsvorschriften gibt ausser dem Linksverkehr, einer Hinterlassenschaft der Engländer. Eine Barriere ist also in keinem Fall Ausdruck staatlicher Hohheit, sondern immer eine Mitteilung privater Natur, zwischen uns, den Menschen. Oder es ist eine Mitteilung von Maria dass es hier nicht weitergeht, auch Monate nach dem Sturm. Nicht aber hinter dieser Barriere vor unserer Nase. Da steht ein Sikh mit Kopfputz und in eleganten Gummistiefeln. Ein sympathischer Ingenieur der auf dem aufgerissenen Lehmhügel einen Hotelkomplex mit mehreren hundert Zimmern im obersten Preissegment erstellt, Marke Marriot Signature. Er gibt uns den Rat das Vetivergras in kurze Stücke zu schneiden und den Lehm lange zu stampfen bevor wir den Ofen damit bauen. Den Lehm teilt er in verschiedene Kategorien, jenen der aussieht und sich anfühlt wie Erde sollen wir als letztes nehmen, nur für die Aussenhülle. Vor allem aber sollen wir trockenen Lehm nehmen und nicht den feuchten wie er in meinem ersten Kübel ist, aus dem einfachen Grund dass wir dann weniger Gewicht zu tragen hätten bis hinauf zum Pickup. Unten am karibischen Meer verschwinden seine Stiefel mit ihm in der sowohl betonierten als auch bedachten Baubaracke. Die Ruinen der betonierten Bungalows sind über den Rest des noch nicht aufgerissenen Hügles gestreut, alle ohne Dach und Balken. Eine Ferienanlage zusammengebrochen lange bevor Maria kam. Aufgemalt auf die Kabine des an Land geworfenen Kutters bleicht der Sisserou-Papagei, das hoheitliche Wappentier Dominicas.


Grill
Der Mond ist hell, aber die Nacht ist schwarz und schnell gekommen wie überall nahe am Äquator. Die Strasse windet sich, dann streckt sie sich durch den Talboden. Langes, krummes Kokosgestänge zeichnet sich dunkel ab gegen das Gebrigsmassiv. Dann windet sich die Strasse wieder. Wir sitzen um das Reserverad verteilt auf der Ladebrücke. Aus den offenen Fenstern der Kabine hören wir mit: Mama Rosyhätte Poulettschenkel in der Glut. Jene Pouletschenkel die wir täglich meiden vermutlich. Niemand auf dieser Insel kann Pouletschenkel so günstig produzieren wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Diese Schenkel liegen nun in Mama Rosys Grillhaus, einem russigen Rohr mit eigenem Kamin, einem einzigen Fenster und fiebern uns entgegen. Einem Glühwürmchen gleich fliegt im Innern der Kabine wieder ein Handy zum Ohr.: Nicht hier, im nächsten Dorf sei das Haus von Mama Rosy. Wir sehen kein Dorf, nur ein schwaches Notlicht hinter Gittern. Wieder windet sich der Wagen, dann endlich rollt er aus. Auch ohne Strassenbeleuchtung lassen sich im Scheinwerferlicht an der Strasse und steil oben am Hang einige Häuser erkennen. Obwohl der Motor läuft ist es sehr still und das Öffnen der Autotüren zeigt mit dem kurzen Knacken an dass es sich um älteres Modell handelt. Das Innere des Wagens leert sich und auch wir schwingen unsere Schenkel über die Heckklappe. Als hungrige und ratlose Gruppe Gespenster verteilen wir uns der Strasse entlang. In den Veranden sehen wir nun Menschen, Familien, Männer, Frauen, Kinder stehen, sitzen, liegen. Still schauen sie uns an. Es ist das Sirren eines Generators hinter der nächsten Kurve, das die Menschen von uns erlöst. Dort ist Licht und ein Laden und eine blaue Bank für die Anhänger der einen Partei und eine rote Bank für die Anhänger der anderen Partei. Einzig die Glut im Rohr ist aus und die Pouletschenkel dank dem Generator noch gefroren. Wir essen anstatt andere industrielle Erzeugnisse direkt aus der Verpackung.

Strand
Später sitzen wir nahe beisammen. Wir sind nicht viele und wir wissen voneinander auch nicht wer wir sind. Es ist kühler als wir gedacht haben. Vom Atlantik her treibt ein stetiger Wind Wolkenstücke über unsere Köpfe hinweg ins nachtschwarze Hinterland. Wir sitzen vielleicht auf einer umgeworfenen Palme, vielleicht auf einem von einem Hochwasser angeschwemmten Urwaldriesen. Unter den Füssen kugeliges Geröll. Unten an der kurzen Böschung Sand. In unseren Gesichtern feine Schwaden von Gischt. Die Distanz zur Brandung ist schwer zu schätzen, zehn vielleicht zwanzig Meter. Der fast volle Mond macht silbrige Zuckerwatte aus den Wolken die an ihm vorbeiziehen. Wir reden nicht viel und wenn nur mit gesenkter Stimme. Wenn wir möchten, können wir ein Stück der Decke haben über die Schultern. In unserem Rücken die Ruine eines kleineren Zweckbaus, hier weit vom Dorf, am Rande einer Flussmündung. Wir vermuten ein ehemaliges Lagerhaus für Bananen, die von dort verschifft wurden. 1978 kam die Unabhängigkeit um mit ihr kam die Freiheit von Grossbritannien keine Bananen mehr aus der kleinteiligen ehemaligen Kolonie mehr zu kaufen. Zehn Jahre später war des Geschäft tot und uns bleibt nichts als ein paar Worte darüber zu verlieren. Sie kämen viel langsamer als die langgezogenen Wellen, die, anders als die Wolken, unablässig auf uns zurollen, sich vermischen zu einer lebendigen Flüssigkeit die keine Richtung kennt und aus der sich im Laufe der Stunde allerhand Chimären erheben. Nach den Pouletschenkeln von Mama Rosy wären sie der letzte Programmpunkt des heutigen Tages. Mal kommt eine, meist kommt keine.. Während hundert Nächten jedes Jahr kommen sie, hundert Jahre alt sind sie. In den letzten drei Wochen hatten wir fünf Stück, drei davon in einer Nacht. Weit draussen könnt ihr sie schon erkennen, wie sie von den Wellen überholt werden, je näher an Land desto ungelenker wirken ihre Körper. Ihr nehmt ihre Eier und ihr kennt die paar Wilderer die es immer noch gibt hier auf der Insel. Wenn die Jungen schlüpfen müsst ihr sie auf den Meter genau an jene Stelle zurückbringen wo ihr sie ausgebraben habt. Und dann entlässt ihr sie zu hunderten als Fischfutter. Und eins davon wird vielleicht wieder hundert Jahre alt. In dieser Nacht haben wir keine gesehen, nur die Nähe eines Mensch gespürt der mit grosser Ruhe seit vielen Jahren versucht ihnen über unsere Zeit hinweg zu helfen. Tagsüber arbeitet er als Förster, oben im Nationalpark bei den Riesen.


da, da
Warum küsst mir am einen Ende der Strasse, beim Besuch im Haus mit dem Betondach wo die ganze Familie nach Maria hingekommen ist, ganz unbefangen und beiläufig die hundertjährige Madoy die Hand? Ganz weisses Haar hat sie, obwohl die meisten hier auch in hohem Alter oft nur ein weisses Glitzern im Haar haben. Am andern Ende der Strasse, über den Bergen liegt die fast hundert-jährige Patricia angelehnt auf der abendlichen Veranda. Sie liest in einem Taschenbuch, ganz weiss mit Haut und Haar und dreht nur kurz den Kopf zu uns, lächelt leise aus ihrer eigenen Welt.


da
Eine unverdächtige, mittleleuropäische Person von 14 Jahren, urban, verstöpselt auf dem Laufenden, steht zwischen einigen vom Wind gequirlten Bäumen auf einem ungeschnittenen und doch perfekten kurzen Rasenplatz aus ledrigem Grün und sagt: «Das ist der schöste Ort an dem ich in meinem Leben bis jetzt gewesen bin.» Vor seinen Augen im Dunst des Abends gerade noch zu erkennen Marie Galante, ein flacher Teller gleich neben Guadeloupe im Meer stehen gelassen. Links unterhalb der nicht allzuhohen Klippe der Palmenstrand, rechts der andere Palmenstrand. Hinter seinem Rücken stellt ihr zusammen mit Lennox Honychurch Vermutungen an warum sein Haus als eines der wenigen nach Maria noch gleich ausgesehen hat wie vorher. War es die steil abfallende Klippe, die den Sturm anprallen liess und die Luftströmung gleich über das Dach hinweghob? War es die von ihm selbst entworfene und von alten Kolonialhäusern in Martinique übernommene Konstruktion mit den steilen Dächern oder das Fehlen von verglasten Fenstern - die Fensteröffnungen werden mit massiven Holzelementen, welche sich mit einem Handgriff jalousieartig bewegen lassen, geöffnet und geschlossen. Oder waren es die seitlich im Dach eingelassenen Transversallüftungen, die den Sturm passieren liessen und so die verhängnisvollen Unterdrucksituationen verhinderten. Strom gibt es auch hier noch immer keinen, was den Fundus den der Historiker in der Hall sorgfältig aufgebaut hat, noch geheimnisvoller erscheinen lässt. Auf dem dunklen Tisch im Hintergrund noch einmal das Haus als Modell aus Sprossen. Ein Skelett das am Anfang stand. Während auf dem Tisch draussen auf der Veranda, so schwer dass vier Personen ihn nicht zu tragen vermöchten, schon das eine oder andere Schäferstündchen der Dorfbevölkerung über die Platte gegangen ist und unser Gastgeber sich beim Nachhauskommen diskret am Geschehen vorbei in sein Haus begab, dem schönsten Ort der Welt.


hell-dunkel
In meinen Händen halte ich eine Scherbe, einen Flaschenboden, gegen innen pombiert. Sein Durchmesser deutlich grösser als der einer Weinflasche. Das Glas fühlt sich weich an, hat keinen Glanz, ist schwarz und nur wenn man es direkt in die Sonne hält wird es ein schlammiges Grün, opak, wie wenn Russ im Glaskörper wäre. Kleine Unebenheiten und Krater in der Grösse einer Nadelspitze muss es von seiner Gussform erhalten haben. Der Flaschenboden ist aus zwei Teilen zusammengesetzt. Einem inneren Teil, der wie von Hand ein wenig unregelmässig eingedrückt ist und dem Aussenteil der in einer sauberen Rundung in die Seitenwand der Flasche übergeht. Es wird sich um eine Flasche handeln, die um 1800 während kurzer Zeit als Patent eines gewissen Henry Rickett einen fulminanten Siegeszug um die Welt antrat, die erste industriell hergestellte Flasche. Schon bald darauf wurde sie durch Flaschen ersetzt die nur aus einem einzigen Glaskörper hergestellt waren. Zuerst hatte ich sie für eine Wurzel gehalten, die mich beim Blick auf den Boden des steilen Wanderweges verwunderte, dann für ein Stück Hartplastik, das die Kubaner bei der Restauration von Segment 13 des Waitukubuli Trails haben liegen lassen. Dann sind wir weitergeganen. Aber die Kubaner haben Segment 13, oben bei Malgretout Estate, Dominica, zwei Stunden Fussweg vom Ende der Fahrstrasse und den letzten Behausungen weg, noch gar nicht restauriert mit ihrem fahrenden Sackmesser. Malgretout Estate habe ich wiedergefunden in einem Buch von 1881 über die Kultivierung von Liberianischem Kaffee in Westindien. Mit den Fingernägeln habe ich auf dem Rückweg den festen lehmigen Boden um das wunderliche kleine Halbrund weggeschabt und ein dunkles Glas gefunden in dem sich keine Zukunft lesen lässt.